AG Geschichte

Einführung

Mein Name ist Kristin Bode und ich bin Lehrerin an der Solgrabenschule. In den letzten Jahren meiner Arbeit mit Jugendlichen fiel mir auf, dass das Interesse für Themen rund um Diskriminierung und Rassismus, die im Dritten Reich in den Holocaust mündeten, unter der Schülerschaft sehr hoch war. Gleichzeitig war jedoch auffällig, wie wenig Fachwissen die Schülerinnen und Schüler diesbezüglich mitnahmen und wie ihr Wissen teilweise auf wagen Vermutungen und Halbwahrheiten beruhte. Außerdem fiel es vielen Schülern schwer, wirklich zu verstehen und zu fühlen, was damals passierte und es auf ihr heutiges Leben zu übertragen. Um diesen Beobachtungen allumfassend zu begegnen, kam mir die Idee, eine Fahrt nach Auschwitz zu organisieren und interessierte Schülerinnen und Schüler in einer AG darauf vorzubereiten. Das Interesse in der 9./10. Jahrgangsstufe war sehr groß, sodass die vorbereitende Arbeitsgemeinschaft mit insgesamt 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in knapp drei Monaten die Fahrt nach Auschwitz starten konnte. Im Anschluss an die Fahrt sollten die Schülerinnen und Schüler dann das Gelernte in einem Projekt in die Tat umsetzen. Die Kreativität der Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem Erlebten und Erarbeiteten wurde in einer Gedenkveranstaltung präsentiert, in der sichtbar wurde, dass die Schüler neue Zugänge für sich schaffen konnten.

Die Schülerinnen und Schüler der AG engagierten sich in hohem Maße für die demokratische Wertevermittlung an der Solgrabenschule und darüber hinaus und setzten hiermit ein klares Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und für die Vielfalt in der Schule. Ethnische oder soziale Herkunft, Religion, Weltanschauung, sexuelle Identität, Behinderung oder Krankheit spielen keine Rolle - denn WIR SIND SGBN (Solgrabenschule).

In den folgenden Abschnitten kann man nachlesen, welche Zugangswege die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Lehrerin Frau Kristin Bode gefunden haben. Aufgrund der großen Resonanz in der Schülerschaft soll dieses Projekt eine Fortführung erhalten, damit zukünftige Schülergenerationen ebenfalls umfassend zu diesem Thema informiert, aufgeklärt und sensibilisiert werden, sodass eine Nachhaltigkeit erreicht werden kann.

Der 9.11.2018 - Gemeinsam erinnern - Solgrabenschüler erinnern an die die Reichspogromnacht am 9.11.1938

Am 9.11.2018 fand in der Solgrabenschule zum ersten Mal eine Gedenkveranstaltung zur sogenannten Reichspogromnacht statt. Hierzu waren Vertreter der christlich-jüdischen Gemeinde und der jüdischen Gemeinde eingeladen.

Die Gedenkveranstaltung begann mit einer Rede des Schulleiters Herrn Mathes, der noch einmal auf die Wichtigkeit der Erinnerung eines solchen Ereignisses aufmerksam machte und garantierte, dass die Solgrabenschule, auch mit der Studienfahrt nach Krakau bzw. Auschwitz, Erinnerungen an die Gräueltaten der Nazis wachhalten wolle.

Anschließend kam Frau Eisenreich zu Wort, die die lange jüdische Tradition in Bad Nauheim betonte und ebenso klarstellte, wie wichtig es sei, junge Menschen immer wieder mit dem Thema zu konfrontieren.

Frau Kristin Bode, die Initiatorin des Projektes, hielt im Anschluss in ihrer Rede fest, dass die Schüler der Solgrabenschule, auch als junge Menschen Verantwortung übernehmen sollten für eine friedliche Zukunft. Des Weiteren betonte sie, dass es wichtig sei, junge Menschen für antidemokratische, rassistische Parolen zu sensibilisieren und Ihnen beizubringen, angemessen dagegen zu argumentieren.

Mit den Worten: „Nun seid ihr dran. Zeigt, dass ihr Verantwortung übernehmen könnt.“, startete dann die Veranstaltung.

Extrablatt, Extrablatt! Synagogen in ganz Deutschland brennen! Herschel Grynspzan erschießt Ernst vom Rath. Das Gibt Rache.“ „Die Synagogen in ganz Deutschland sind abzubrennen!“ „Alles jüdische Eigentum ist zu konfiszieren!“

So startet die Veranstaltung und bringt die Zuschauer zurück in die Zeit rund um 1938. Doch die Zeitreise geht weiter.

(Schülerinnen und Schüler der Geschichts-AG verdeutlichen dies in einem Rollenspiel)

Mika Frey kam nun als Richter in einem Prozess im Jahre 1946 auf die Bühne. Die Zuschauer wurden mitgenommen in eine Zeit nach dem 2. Weltkrieg; hinein in einen Frankfurter Gerichtssaal. Bad Nauheimer Bürger mussten sich hier für ihre Taten am 9.11.1938 verantworten.

Mika Frey eröffnete als Richter die Verhandlung mit einem Hammerschlag. Auf die Bühne hinter einer Leinwand, trat Gertrud S. gespielt von Lara Tekin. Sie erklärte vor Gericht, sie habe an dem besagten Tag ein Bündel vor einem Geschäft liegen sehen und es mitgenommen. Am Abend habe sie es der Polizei nach deren Aufforderung wieder abgegeben. Die jüdische Geschäftsfrau, der das Bündel gehörte, sei mit ihr befreundet gewesen.

Jeder Mensch hat ein Gewissen. Jeder Mensch muss nach seinem besten Gewissen handeln, auch wenn die Masse anders denkt. Täter wird, wer die Tat als eigen will!

Der Richter glaubte ihr nicht und verurteilte sie zu Strafzahlungen. Anschließend trat ein weiterer Angeklagter auf die Bühne. Ricardo Ruths als Angeklagter H. Er war Mitglied der Reiter-SA und am Tattag als Straßenkehrer beschäftigt. Er sah Nähmaschinen auf der Straße liegen und nahm sie mit. Des Weiteren entdeckte er, dass Gegenstände aus Häusern geworfen wurden, unter anderem eine Couch. Er habe die Nähmaschine auf die Couch gestellt und mit nach Hause geschoben. Auch er wurde zu Strafzahlungen verurteilt. Finn Freitag verkörperte Anno S. Er war nicht in der SA gewesen. Er sah Menschen, die Klamotten verbrannten und aus den Häusern warfen. In der Nacht kam er und nahm herumliegende Kleidung an sich. Die Polizei forderte ihn am nächsten Tag auf, die Kleidung zurück zu geben. Auch er erhielt eine Strafe. Anschließend trat ein Feuerwehrmann vor die Leinwand und stellte sich dem Publikum. Moritz Roth als Feuerwehrmann zeigte beeindruckend, dass er damals die Synagoge vor dem Verbrennen gerettet habe, da er es moralisch verwerflich fand, so etwas geschehen zu lassen. Er widersetze sich somit den Befehlen der SS und war als einziger der Angeklagten als Zeuge für ein aufrichtiges Verhalten anwesend. Zum Schluss trat Marvin Hammann als Angeklagter M. hinter die Leinwand. Im Gegensatz zu dem Feuerwehrmann war dieser Angeklagte überzeugt von den Taten damals und unterstützte sie tatkräftig. Heute bereue er es jedoch zutiefst. Er endete seine Aussage mit den Worten: „Schließlich habe ich es so befohlen bekommen.“ Mika Frey als Richter zeigte jedoch keine Gnade und verurteilte den Angeklagten zu einer hohen Geld- und Bewährungsstrafe. Mit einem Hammerschlag und den Worten: „Täter wird, wer die Tat als eigen will.“, beendete er die Gerichtsverhandlung.

Das Publikum beklatschte den Beitrag und nun meldeten sich die Moderatoren zu Wort und stellten sich vor. Adrianna Skruch, Angelique Humboldt und Leonie Jander begrüßten das Publikum und leiteten zur nächsten Gruppe über. Das Publikum hörte zuvor, was in der Vergangenheit geschah, doch was wissen die Menschen von heute?

Piet Schenker, Sylvester Schäfer, Armando Ajdinovic, Saduk Shaolov, Max Wilke und Armin Razmjou befragten Bad Nauheimer Bürger zu ihren Erfahrungen und Erinnerungen. Dabei führten sie in Dialogen hinter der Leinwand vor, was Bad Nauheimer Bürger auf ihre Fragen antworteten. Sie befragten Alt und Jung und es wurde offensichtlich, dass die Bad Nauheimer gut informiert sind. Einige Antworten regten dennoch zum Nachdenken an, z.B. dass einige Menschen das Wort ‚Holocaust‘ oder ‚Shoah‘ nicht kannten. Außerdem antworteten zwei Befragte auf die Nachfrage, was Hitler in Ihnen auslöse: „Naja, Hitler ist ja kein Deutscher gewesen, sondern Österreicher.“ Saduk Shaolov stellte dann beeindruckend zum Schluss vor dem gesamten Publikum fest.

 

Menschen müssen wissen, was der Holocaust war. Menschen müssen wissen, was am 9.11.1938 passierte. Es ist wichtig zu wissen, dass Hitler, egal ob Österreicher oder Deutscher, einer der schlimmsten Verbrecher der Welt war. Deswegen ist Bildung wichtig, damit Erinnerung wach bleibt.

Wieder klatschen die Zuschauer anerkennend und wieder übernehmen die Moderatoren die Überleitung zur nächsten Gruppe.

„Wir sind Juden. Wir haben Hunger. Wir können auch beweisen, dass wir Juden sind. Wir sind beschnitten.“

Die Gruppe rund um Setheana Amoah, Nathalie Huth, Veronika Jaros, Selin Aleksandrov, Selin Keskin, Swetlana Root, Karin Cholom, Sina Spahn und Angelique Humboldt stellten in einem Schattenspiel das Leben des Mendel Gutt vor, der im Ghetto aufwuchs. „Juden durften nicht auf dem Gehweg, sondern mussten auf der Straße gehen. Jüdische Kinder durften nicht mehr in die Schule“. Als kleiner Junge begab er sich auf die Flucht. „Ich hatte blonde Haare und sah aus wie ein Pole.“ Als 14-jähriger versteckte er sich in Wäldern und kam teilweise bei Menschen unter, die ihm halfen. Da er so hungern musste, ging er aus Verzweiflung wieder ins Getto zurück, wo er sofort auf einen Transport in ein Konzentrationslager kam. „Links bedeutete Gaskammer und Tod (…). Wir wurden in eine Baracke eingewiesen, wo wir uns splitternackt ausziehen mussten.“ Bei einem Kampf um einen Pullover bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihm sein Augenlicht nahm.

Wenn ich nach den schönsten Momenten in meinem Leben gefragt werde, so muss ich sagen, dass ich solche Glücksmomente nie erlebt habe. (…) Warum gerade ich? Warum habe ich überlebt?

Er überlebte Auschwitz. Auf dem Weg nach Bergen-Belsen, um seine Familie zu suchen, machte der Zug halt in Bad Nauheim. Bürgermeister Metzger nahm die Juden auf und versorgte sie mit allem Nötigen. „Der Bürgermeister ist mir wie ein Engel vorgekommen“, sagte Mendel Gutt. Schlussendlich stellt Mendel Gutt in seinen Aufzeichnungen fest:

Eine weitere Bad Nauheimerin mit einem unfassbaren Schicksal wird von den Moderatoren vorgestellt. Auf die Bühne humpelt ein alter Mann, verkörpert von Luca Bachmann. Er erzählt dem Publikum über seine Frau Hilda Stern-Cohen. Nach langen Jahren einer glücklichen Ehe entdeckte er nach Hildas Tod einen Gedichtband, den sie verfasst hatte. In Ihren Gedichten verarbeitete sie ihr Leben im Ghetto und als Gefangene Auschwitzs sowie das Leben danach. Die Schülerinnen Destiny Hammer, Coline Winkelmann, Roxana Bögödei, Jessic Grün und Lara Scholtissek tragen hinter der Leinwand „An den Drähten“ vor. Die Zuschauer sehen die Schatten der Schüler und Bilder aus Hilda Stern-Cohens Leben. Im Anschluss treten Coline Winkelmann und Jessica Grün vor die Leinwand und tragen ihr eigens verfasstes Gedicht vor.

Wir sind SGBN!

Juden wurden gehasst, getötet und vertrieben, was ist von unserer Menschlichkeit geblieben? So etwas gibt es noch heute, in Chemnitz tobt die Meute.

Sie hassen Juden, sehen sie nicht als Menschen an. Und damit begann ein einziger Mann. Es ist wichtig die Geschichte zu verbreiten. Das, was wir sagen ist wahr und nicht zu bestreiten.

Millionen Juden wurden vernichtet und gequält, deshalb ist es wichtig, dass man es weitererzählt. Es sind Menschen, so wie du es bist, deshalb ist es so erschreckend, dass so etwas passiert ist.

Man weiß nicht, was die Nazis sich dabei gedacht haben. Wir können sagen, dort ist Schreckliches geschehen. Wir waren in Auschwitz haben es gesehen. Es liegt jetzt an uns es zu verbreiten und es in Zukunft zu vermeiden! Dennoch dürfen wir die Vergangenheit nie vergessen, deshalb erzählen wir die Story stattdessen.

Von Coline Winkelmann
inspiriert durch Jessica Grün

Die letzte Gruppe zeigt nun ihre Fotokampagne ‚Wir sind SGBN‘. Mit unterschiedlichen Fotos senden Sie wichtige Botschaften gegen Rassismus, Judenhass und machen sich stark für Religionsfreiheit und Vielfalt. Adrianna Skruch stellt fest:

„Wir wollen vermitteln, dass Rassismus und Menschenhass keinen Platz auf unserer Welt haben. Mit unseren Fotos wollen wir euch zeigen, dass die Herkunft, die Sexualität, die Religion oder körperliche Eigenschaften keine Rolle spielen und nicht das ist, was einen Menschen ausmacht. Wir sind alle Menschen; haben alle rotes Blut. Wir lieben, leben, lachen. Zwar jeder auf seine Weise, aber das macht uns einzigartig. Wir lassen nicht zu, dass uns Unterschiede voneinander fernhalten oder gar Hass schüren. Wir lieben die Vielfalt. Am Ende des Tages sind wir Klassenkameraden, Freunde, Familie. Wir sind Menschen!“

Nach ihrer Rede stehen nacheinander Teilnehmer der Geschichts-AG auf und sagen auf bulgarisch, serbisch, spanisch, russisch, hebräisch, englisch, türkisch, ungarisch, polnisch „Wir sind SGBN“. Und alle sagen gemeinsam zum Publikum gewandt in ihrer gemeinsamen Sprache: „Wir sind SGBN“. „Denn egal, wo man her kommt am Ende sind wir alle Menschen!“

Hiermit enden die Vorträge und es gibt langen Applaus für die Leistungen der Schüler.

Herr Dr. Noss bedankt sich bei den Schülern und würdigt ihre Leistungen. Denn es muss uns darum gehen, die Erinnerungen wach zu halten, damit wir gewappnet sind. „Damals hat das Regime ganz offen seine Fratze gezeigt. (…) Dagegen müssen wir angehen.“ Er stellt fest, dass es damals nur wenige Mutige gab, die sich gegen das Regime stellten und in diese „Reihen stellen sich die Schüler der Solgrabenschule nun auch“.

Was kann man dagegen tun, dass Antisemitismus wieder auflebt in Deutschland? So beginnt Herr de Vries seine Ansprache. „Die Antwort kann nur das sein, was ihr heute vorgestellt habt. (…) Dies ist genau die Antwort, die wir brauchen, auf das, was gerade hier in Deutschland passiert.“ Jugendliche seien in Zukunft außerdem dafür verantwortlich, die Demokratie zu verteidigen. „Ihr müsst euch vor diese Demokratie stellen. (…) Es darf nie anders sein.“

Das Schlusswort hat Michelle Bietz. Sie erzählt in ihrer Rede von einem persönlichen Ereignis, welches sie sehr prägte. Michelle hatte in den Osterferien einen freiwilligen Aufenthalt ins Sansibar gemacht, um armen, bedürftigen Menschen zu helfen. Sie stellte fest, dass es ihr wichtig gewesen sei, Menschen kennen zu lernen, die fast nichts besitzen. Diese Erfahrungen teilte sie ebenfalls mit einem jungen Mann, dem sie bei einem Nachmittag mit Freunden begegnete. Sie erzählte ihm von Sansibar und er reagierte abweisend, rassistisch und uninteressiert. Er könne sich nicht vorstellen, was dieser Dienst überhaupt bringen sollte. Michelle stellte jedoch beeindruckend fest, dass es sehr wohl wichtig sei, einen Rundumblick in der Welt zu haben. Schließlich leben wir alle zusammen und müssen uns akzeptieren so wie wir sind.

„Man kann sich nicht aussuchen in welche Menschengruppe man hineingeboren wird, man kann also nichts dagegen machen und es gehört schließlich irgendwann zu deinem Leben dazu. Und man sollte schließlich jeden Menschen respektieren, denn es sind, wie gesagt Menschen, so wie ich und du und man ist in einer Sache vereint, egal ob die Liebe zum gleichen Sport, die gleichen Denkweisen oder das gleiche Lieblingsessen, wir sind alle Menschen und wollen nur das Eine. Frieden, Liebe und Vielfalt miteinander. Und wieso verbreitet man das nicht? Es ist doch in der heutigen Zeit ganz einfach. Wenn man die Medien richtig benutzt, sich schlau macht über antinationale Events, sich so darüber austauscht oder eine Message verbreiten will wie „Wir sind SGBN.“ Denn das „Wir sind SGBN“ haben wir zusammen mit unserer AG Lehrerin Frau Bode ins Leben gerufen. Es steht nicht nur für Vielfalt, sondern auch dafür, dass man nicht immer nur hinschauen sollte und einfach den Mund aufmachen soll um etwas zu verändern! Das man Mitgefühl auf dieser Welt zeigt, und schätzen sollte, dass es einem hier in Deutschland so gut geht und an die denken sollte, bei denen es eben nicht so ist.

Und dass alle Menschen gleich sind egal ob dick oder dünn, groß oder klein oder christlich oder jüdisch; denn dafür steht die Solgrabenschule in Bad Nauheim!“

Zu was Menschen fähig sind

Erschienen in der Wetterauer Zeitung am 08. November 2018

Eine Studienreise nach Krakau hat Lehrerin Kristin Bode mit 40 Neunt- und Zehntklässlern ihrer Geschichts-AG unternommen. (Foto: pv)

»Wird ein Besuch im Konzentrationslager Auschwitz euer Leben verändern?« Diese Frage stellte Lehrerin Kristin Bode den 40 Neunt- und Zehntklässlern ihrer Geschichts-AG zum Thema »Verfolgung und Holocaust«, in der die Schüler auf eine Studienreise nach Krakau und Auschwitz vorbereitet wurden. In der AG konfrontierte Kristin Bode ihre Schüler mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten, die letztendlich in einem der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte endeten: der Ermordung von etwa 1,5 Millionen Männern, Frauen und Kindern, die meisten davon Juden aus verschiedenen Ländern Europas.

Ausgangspunkt war die Tatsache, dass immer weniger Jugendliche über die Gräueltaten der Nazis informiert sind. Sie kennen den Namen »Hitler« und Begriffe wie »Konzentrationslager« und »Holocaust«, doch wissen die wenigsten, was damals passierte. Jedoch sind die Jugendlichen von heute die Erwachsenen von morgen, die antidemokratische Strömungen erkennen und sich für eine Zukunft in Freiheit und Demokratie ohne Hass einsetzen sollen. Dies zu erkennen und den Schülern ihre Rolle in der Gesellschaft klar zu machen, war und ist ein erklärtes Ziel von Kristin Bode.

Die Studienfahrt führte die Schüler der Solgrabenschule in Krakaus Altstadt, in das jüdische Viertel Kazimierz und das jüdische Getto. Trauriger Höhepunkt der Reise war der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Schon auf dem Weg zur Gedenkstätte ist es leise im Bus. Im ehemaligen Konzentrationslager angekommen, zeugen schreckliche Beweise von den scheußlichen Verbrechen der Nazis: zwei Tonnen menschliche Haare, metallene Beinprothesen stapeln sich, zurück gelassene Koffer mit den Namen der in den Gaskammern Ermordeten, Schuhe türmen sich, darunter Hunderte von Baby- und Kinderschuhen, Brillen, Wertgegenstände, Geschirr. Plötzlich verstehen die Schüler, dass Auschwitz einer der grausamsten Orte der Menschheitsgeschichte ist. Die Jugendlichen kämpfen mit ihren Gefühlen. Noch bis spät in die Nacht diskutieren sie, versuchen das Gesehene und Gespürte zu verarbeiten. »Ich war noch nie so ernst in meinem Leben.« »Ich konnte mir nicht vorstellen, zu was Menschen fähig sind.« »Ich bin traurig und geschockt.« »Ich kann gar nichts essen«, sind nur einige Aussagen, die zeigen, wie sehr die Schüler betroffen sind.

Zeitzeugin spricht

Nachdenklich machte die Schüler auch die auf dem Programm stehende Befragung der Zeitzeugin Rena Rach geborene Stern im Jüdischen Museum. Rena Rach erzählt vom Leben der Juden in Krakau während der Besatzung durch die Nazis. Sie schildert die Geschichte ihrer Familie im jüdischen Getto und wie sie als Kleinkind mit ihrer Mutter überlebt hat. Die Schüler sind berührt. Nun erleben sie es unmittelbar aus dem Mund einer Frau, die das Schreckliche überlebt hat.

Das Unbekannte muss begreifbar gemacht werden mit Gesichtern und den dazugehörigen Geschichten. Das funktioniert nicht allein in Klassenzimmern. »Genau hier ist es passiert, hier, wo ich jetzt bin.« Dieses Gefühl müssen junge Menschen womöglich haben, um das Vergessen aufzuhalten und die Erinnerung wachzuhalten. Kein Ort stellt das menschliche Gewissen so infrage wie Auschwitz.

Gemeinsam erinnern

Erschienen in der Wetterauer Zeitung am 15. November 2018

SGBN: Dies Initialen der Solgrabenschule und das Zeichen sollen für Toleranz und Vielfalt stehen. (Foto: pv)

»Extrablatt!«, »Boykottiert jüdische Geschäfte!«, »Die Synagogen brennen!« Mit diesen Ausrufen in der Rolle von Zeitungsjungen im Jahr 1938 leiteten Adrianna, Angélique und Leonie die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht ein, die sich in diesem Jahr zum 80. Mal jährte. Die drei Schülerinnen gehören zur Geschichts-AG von Lehrerin Kristin Bode, die zwei Wochen zuvor Orte jüdischen Lebens und Sterbens in Krakau und die Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau besucht hatten (die WZ berichtete).

Der Einladung zur Gedenkfeier an der Solgrabenschule waren zahlreiche Gäste gefolgt, darunter der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bad Nauheim, Manfred de Vries, Kerstin Eisenreich von der Stadt Bad Nauheim, Petra Albrecht-Vogt von der Christlich-Jüdischen Gemeinde, Dr. Peter Noss als Vertreter der Kirchen der Stadt Bad Nauheim und Brigitte Faatz.

Betroffen, von dem, was sie gesehen haben, hatten es sich die 40 Neunt- und Zehntklässler zum Ziel gesetzt, das Erlebte und Erfahrene ihren Gästen und Mitschülern mitzuteilen.

Schon vor der Studienreise nach Krakau hatten sich Gruppen gebildet, die sich bestimmten Themen widmen wollten und die Eindrücke in Polen mit dem jüdischen Leben bzw. den Schicksalen von jüdischen Mitbürgern in Bad Nauheim verknüpfen wollten. Hierbei handelte es sich um die Lebensgeschichte der Bad Nauheimerin Hilda Stern-Cohen, die eindrucksvolle Gedichte schrieb, in denen sie das unfassbar Schreckliche im Konzentrationslager Auschwitz verarbeitete und ihre Ohnmacht zum Ausdruck brachte. Diese Gedichte wurden von Schülerinnen beeindruckend vorgetragen und durch einen eigenen eigens zu dem Thema verfassten Rap ergänzt.

Eine weitere Gruppe stellte das Leben von Mendel Gutt vor, der nach der Befreiung des Konzentrationslagers in Vaihingen an der Enz zunächst in Bad Nauheim Station machte. Auf einer Leinwand präsentierten die Schüler die Stationen im Leben von Gutt, der gebrochen im Jahr 2004 verstarb.

Jeder ist einzigartig

In einer symbolischen Gerichtsverhandlung im Jahr 1947 wurden zwei Männer und Frauen für ihre Teilnahme an den Zerstörungen und Plünderungen in der Reichskristallnacht angehört und verurteilt. Ein Feuerwehrmann aus Bad Nauheim berichtete über seine vergeblichen Versuche, das Feuer in der Nacht auf den 10. November 1938 zu löschen.

Eine weitere Gruppe von Schülern mischte sich unter die Bad Nauheimer Bevölkerung und fragte Passanten nach der »Reichskristallnacht« und dem Wissen darüber. Die Interviews ergaben, dass die Befragten über die Geschehnisse des 9. November 1938 informiert waren.

Zum Abschluss präsentierten die Schüler Fotos, die sie eigens für diesen Tag gestaltet hatten. Die Fotos sollten einerseits darstellen, wie vielfältig, bunt und multikulturell die Schulgemeinde der Solgrabenschule ist und zum anderen den Blick dafür schärfen, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit akzeptiert wird. Diese Botschaft weiterzugeben und das Einsetzen für ein Leben in Freiheit und Demokratie und ohne Hass, war ein Ziel der Gedenkveranstaltung und ist den Schülern ein wichtiges Anliegen.

»Das Bild zeigt die Hände von Schülerinnen und Schülern der Solgrabenschule (sgbn) und soll die Solidarität mit dem Judentum und die Vielfältigkeit der Menschen sowie die Akzeptanz als Mensch innerhalb der Schulgemeinde symbolisieren«, teilte Konrektorin Isabella Schneider-Eberz mit.

Zeit heilt längst nicht alle Wunden

Aus der Gießener Allgemeine am 13. November 2018

Auch in der Solgrabenschule setzen sich junge Menschen mit der Pogromnacht auseinander. Hier präsentieren Schüler Ergebnisse ihrer Arbeit. (Foto: pm)

Die gemeinsame Gedenkveranstaltung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Stadt und den Bad Nauheimer Kirchengemeinden anlässlich des Gedenkens an die Opfer der Reichspogromnacht ist auf Samstag, 10. November, verschoben worden. Sie fand im Erika-Pitzer-Begegnungszentrum statt.

Mit dem Datum des 9. November verbinden sich eine Reihe historischer Ereignisse, die für die deutsche Geschichte von größter Bedeutung sind: der Beginn der Weimarer Republik 1918, die Öffnung der Berliner Mauer 1989 – aber vor allem der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938.

Plünderungen in Bad Nauheim

In der historischen Forschung der vergangenen Jahre sei deutlich geworden, wie sich vielerorts normale Bürger freudig, ja lustvoll an Demütigung, Ausbeutung und Gewalt gegen die jüdischen Nachbarn beteiligt hätten, bemerkte Pfarrer Dr. Peter Noss in seiner Begrüßung im Namen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der evangelischen Kirche. Es war die Katastrophe vor der Katastrophe des Holocaust, der angestrebten Vernichtung aller Juden in Europa. Wer sich nicht beteiligt habe, der habe doch zumindest geschwiegen. Nur ganz wenige, auch in den Kirchen, hätten ihre Stimme gegen dieses Unrecht erhoben. Insofern gehe es immer auch um die Frage der Schuld beziehungsweise der daraus folgenden Verantwortung. Eine Verantwortung, die die Schülerinnen und Schüler der Solgrabenschule mit ihrer Lehrerin Kristin Bode entdeckt und umgesetzt haben, indem sie nach einer Reise nach Krakau und Auschwitz das Erlebte kreativ verarbeiteten und am 9. November in der Schule vorstellten: Sie erinnerten unter anderem an die Verfahren gegen Deutsche im Jahr 1946, die sich auch in Bad Nauheim an den Plünderungen beteiligt hatten und so zu Mittätern geworden waren.

Die rekonstruierten und mit Bildern unterlegten Lebensgeschichten von Bad Nauheimern jüdischen Glaubens in der Nazizeit gingen unter die Haut. Die Schlussfolgerung für heute: So vielfältig wie die Schülerschaft ist auch das Leben insgesamt, in dem Antisemitismus und Ausgrenzung keinen Platz haben dürfen.

Bürgermeister Klaus Kreß betonte, dass die Ereignisse niemals vergessen werden dürften. Auch in Bad Nauheim waren vor 80 Jahren jüdische Menschen gedemütigt und ihr Besitz geplündert worden. Pfarrer David J. Rühl von der katholischen Gemeinde St. Bonifatius erinnerte an das Sprichwort »Die Zeit heilt alle Wunden« – angesichts der schrecklichen Ereignisse sei das blanker Zynismus. Auch heute gebe es wieder unverhohlenen Antisemitismus, den es abzuwehren gelte.

Verschollenes Manuskript entdeckt

Friederike Müller las aus dem Roman »Der Reisende«, in dem Autor Ulrich von Boschwitz seine Erfahrungen aus der Pogromnacht literarisch verarbeitet und bereits 1939 erstmals veröffentlicht hatte. Das Manuskript galt lange als verschollen und wurde erst kürzlich in der Deutschen Nationalbibliothek wiedergefunden. Musikalisch wurde die Veranstaltung von Schülern der Musikschule begleitet.

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, dankte abschließend und betonte die Notwendigkeit, sich auch künftig für die demokratische Gesellschaft einzusetzen.

Und es geht weiter…

Erinnern an das Grauen

29. Januar 2019, 20:56 Uhr

Gemeinsam mit den evangelischen und katholischen Gemeinden hatte die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GcjZ) am 27. Januar zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 74 Jahren eingeladen. Vorsitzende Britta Weber begrüßte die Gäste in der Wilhelmskirche. Bürgermeister Klaus Kreß betonte in seinem Grußwort die europäische Dimension der Verantwortung und die Notwendigkeit, dem Populismus konsequent entgegenzutreten.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Manfred de Vries, erinnerte in einem sehr persönlichen Grußwort an die Leidensgeschichte seiner Familie und wünschte sich anhaltendes Engagement, um die Erinnerung wachzuhalten. Pfarrerin Susanne Pieper von der evangelischen Kirchengemeinde interpretierte den Begriff der Befreiung als eine Dimension der Hoffnung.

Die knapp 100 Gäste in der Wilhelmskirche waren beeindruckt von der Collage aus Texten, Bildern und Reflektionen, mit denen die Schülerinnen und Schüler der Solgrabenschule eine Reise aus dem vergangenen Jahr verarbeitet hatten: Die Geschichts-AG war mit ihrer Lehrerin Frau Bode zu einer Reise nach Auschwitz in Polen aufgebrochen. Die Erfahrungen, die von den Schülern beschrieben wurden, waren intensiv und existenziell. Erfahrungen beim Rundgang durch das riesige Lager, in dem über eine Million Jüdinnen und Juden ermordet worden waren, an den Rampen der Selektion, in den Baracken.

Kerzen am Mahnmal aufgestellt

Die Schüler trugen ihre Texte vor, die unter anderem an Menschen aus Bad Nauheim erinnerten, die Opfer der Verfolgung geworden waren. Es wurde deutlich: Die Reise nach Auschwitz hat die Schüler verändert und für das Leben geprägt. Künftig wollen sie sich noch mehr für Toleranz, Respekt und Verständigung einsetzen. Der wichtigste Dank galt daher der Lehrerin Frau Bode, die von Dr. Peter Noss (GcjZ) einen Strauß Rosen für ihr Engagement überreicht bekam.

Am Mahnmal an der Parkstraße wurden anschließend Kerzen aufgestellt. De Vries sprach das jüdische Totengebet (Kaddisch), Weber und Pfarrer Dr. Peter Noss ein christliches Bußgebet. Für das kommende Jahr plant die Solgrabenschule erneut eine Schülerreise nach Auschwitz.

Wir sind SGBN! Und wir vergessen nie!

Quellen:

Alle Quellen sind aus dem Stadtarchiv aus Bad Nauheim, was dank Frau Faatz möglich wurde. Vielen Dank hierfür!

Kolb, Stephan: Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden, Eine gescheiterte Assimilation, Bad Nauheim 1987.

Gutt, Mendel: Als alles anfing, war ich zehn, Eine Jugend im Schatten von Verfolgung und Lager, KZ-Gedenkstätte Vaihingen/ Enz e.V. 2018.

Filme