Mit Glück auf die Titelseite der Frankfurter Neuen Presse

Kevin genießt die Komplimente seiner Mitschüler im Wahlpflichtfach „Glück“ an der Solgrabenschule in Bad Nauheim.

„Glück“ in der Schule

+++ Ein außergewöhnliches Unterrichtsfach sorgt in der Solgrabenschule in Bad Nauheim für Aufsehen +++

Mathe, Physik und Chemie – Diese Fächer kennt jeder noch aus seiner Schulzeit. Die Solgrabenschule in Bad Nauheim jedoch versucht ihr Glück nun auch mit dem Fach „Glück“.      VON OLIVIA HEIDER

Seit drei Jahren unterrichtet Marc Englert (31) das „Glück“. Nachdem schon mehrfach darüber berichtet wurde, sei dieses außergewöhnliche Fach sogar der Grund für viele Eltern gewesen, ihr Kind auf diese Schule zu schicken, so Englert. Neben ihm unterrichten noch zwei weitere Lehrer die Schüler in dieser außergewöhnlichen Lehrstunde. Doch die Initiative dazu kam von seiner Seite. „Ich habe selbst recherchiert, was man Neues in die Schule einbringen kann. Da bin ich auf das Schulfach ,Glück’ gestoßen.“ Die Jugendlichen sitzen in einem Kreis. Auf dem Boden liegt ein Stück Pappe auf dem steht: „Glück im Unglück. Ist das überhaupt möglich?“ Auf die kleinen Blätter Papier, die daneben liegen sollen die Schüler Fallbeispiele aufschreiben, die in ihren Augen darauf zutreffen. Vorher wird jeder Fall kurz erläutert. Kevin (13) erzählt von der Zündkerze des Autos seines Vaters, die einfach versagte. Zum Glück hätten sie zu diesem Zeitpunkt auf dem Parkplatz gestanden. Auch das Thema Organspende spricht er an. Wenn einer stirbt und ein anderer durch diesen Tod überlebt, dann sei das doch auch Glück im Unglück, beide Beispiele kommen auf das Plakat.

Ein voller Erfolg

Kevin ist sehr aktiv am Unterricht beteiligt. Er sei früher ganz anders gewesen und auch nicht wirklich der Netteste. Das Fach „Glück“ habe ihm sehr geholfen andere besser zu verstehen und einfühlsamer zu werden. „Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden. Das habe ich selber gemerkt und das sagen auch andere.“ Eine Aussage wie diese sei Grund genug, ein solches Schulfach weiter anzubieten, so Englert. Wenn die Kinder so reflektiert reden „dann habe ich schon ein bisschen was erreicht.“ Nachdem die Jugendlichen zwei Kurzgeschichten gelesen haben, in denen es um „Glück im Unglück“ geht, sollen sie erklären, wie sie diese wahrgenommen haben. Das Thema zieht sich durch die gesamte Stunde. Englert kommt auf das Yin und Yang- Zeichen zu sprechen, welches groß auf ein Arbeitsblatt gedruckt ist. Auf die Frage ob jemand wisse, was es bedeute, antwortet wieder Michel: „Das ist der Ausgleich, dass das eine ohne das andere nicht funktioniert.“ Jetzt ist Englert an dem Punkt angekommen, den er erreichen wollte. Er erklärt, dass man das Unglück braucht, um das Glück mehr zu schätzen. Wenn es einem schlecht ginge, wisse man erst, wie schön es eigentlich ist, glücklich zu sein. Das eine könne ohne das andere nicht existieren.

Die „warme Dusche“

Das außergewöhnliche Fach gehört zur Auswahl des Wahlpflichtkatalogs der Schule. Detlef Arzheimer, der stellvertretende Schulleiter, erklärt, dass dieser sehr frei in der Gestaltung sei. Die Schüler müssten entweder ein Wahlpflichtfach oder eine zweite Fremdsprache belegen. Die Wahlpflichtfächer könnten Schulen kreativ gestalten. Man müsse nur genügend Lehrmaterial dafür zur Verfügung haben. Auf die Frage ob man dann nicht sogar Fächer wie Stricken anbieten könnte, antwortet er lachend: „Ja selbstverständlich. Das tun wir auch. Wir haben Textiles Gestalten.“ Er und der Direktor seien gleich begeistert von Englerts Idee gewesen. „Gerade im Wahlpflicht- Unterricht sind solche Ideen auch wirklich gefragt. Da ist man dankbar dafür.“ Zum Ende der Stunde fordert Marc Englert die Schüler auf zusammenzurücken. Einer von ihnen soll sich mit dem Rücken zur Gruppe setzen. Die Übung nennt sich die „warme Dusche“. Die Jugendlichen machen dem, der mit dem Rücken zu ihnen sitzt nacheinander ein Kompliment Interessanterweise loben alle eher Charaktereigenschaften. Äußerlichkeiten scheinen keine große Rolle zu spielen. Samuel (13) ist einer, der heute in den Genuss der „Dusche“ kommt. „Dass man mal weiß, was man so bekommt an Freude.“ Das gefalle ihm daran besonders gut. Es sei wirklich nicht alltäglich, mal so nette Worte zu hören. Für ihn sei dieses Fach eine Bereicherung. Man lerne, wie man mit anderen Leuten umzugehen habe und auch, was zum Beispiel Geld für einen Stellenwert habe und ob Geld alleine wirklich glücklich mache. Doch Pflicht sollte es nicht sein,das „Glück“. „Dann würde es nur kaputt gehen“, so Samuel.

Zurück