In Bad Nauheim wird Glück unterrichtet

Glück kann man lernen?!

Die Suche nach dem Glück kostet Zeit. Zeit, fünf Minuten am Tag Sachen zu machen, die glücklich machen. Der Bad Nauheimer Lehrer Marc Englert weiß, wie das geht; er unterrichtet Glück.

Das Glück ist nicht am Ende des Regenbogens zu finden. Glück kann man selber in sich finden, wenn man sucht und genau hinschaut. Irgendwann im Leben ist jeder auf der Suche nach dem Glück: Geld, eine funktionierende Beziehung, eine tolle Reise – was ist Glück eigentlich? Literaten und Philosophen versuchen seit jeher, diese Frage zu beantworten. Einer, der es mittlerweile weiß, ist Marc Englert. Er ist Lehrer an der Bad Nauheimer Solgrabenschule.

Er fand: Glück muss Unterrichtsfach werden. Dafür hat er sich eingesetzt und unterrichtet das Fach seit vier Jahren zusammen mit drei Kollegen. Es nützt. Den Schülern, den Lehrern und auch den Eltern. Das weiß Englert und bekam jetzt noch einen wissenschaftlichen Beweis dafür: Eine Studentin der Uni Gießen hat in ihrer Bachelor-Arbeit die Arbeit der »Glückslehrer« ausgewertet und ist zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen.

 

Glückstagebuch führen

»Es gibt Wege, dem Glück auf die Sprünge zu helfen«, sagt Englert. Dabei geht er mit seinen Schülern ganz praktisch vor. Eine Woche lang müssen die Kinder und Jugendlichen genau aufschreiben, was sie den ganzen Tag machen. Dann wird rot markiert, was stressig ist, mit grün gekennzeichnet, was Freude macht. »Es kann sein, dass herauskommt, dass das von den Eltern geliebte Geigenspiel bei den Kindern nicht gut ankommt«, meint Englert. Und genau diese Erkenntnis in der Schule kann helfen, mit den Eltern zu sprechen, Probleme zu erkennen und dem Glück ein ganzes Stück näher zu kommen.

Für die Schüler der Solgrabenschule war es 2014 etwas ganz Neues, das Fach Glück beim Wahlpflichtunterricht auswählen zu können. »Einige dachten, hier gibt es einfach und schnell gute Noten«, erinnert sich Englert, aber dem war nicht so. Im Unterrichtsfach geht es um Achtsamkeit und Entspannung und um Strategien, die man auf den gesamten Alltag anwenden soll. »Es nur auf die Schulzeit zu begrenzen, wäre zu wenig«. Sofort begeistert von der Idee dieses Unterrichtsfachs war Schulleiter Jörg Mathes und hat Englert und seine Kollegen immer unterstützt.

Glück bedeutet für jeden etwas anderes, aber die meisten Jugendlichen, das hat auch die Auswertung der Studentin gezeigt, finden ihr Glück in sozialen Kontakten und bei Hobbys. Dabei ist es egal, ob man sich fünf oder 45 Minuten mit Dingen beschäftigt, die einen glücklich machen: »Wenn ich das ein- oder zweimal am Tag schaffe, ist schon viel für mein Glück getan«, sagt Englert. Aber dafür muss man sich Zeit nehmen. Zeit, die im Alltag mit Schule, Familie und Freizeit oft verloren geht. Doch das Unterrichtsfach hilft, sich Zeit zu nehmen. »Eltern melden mir zurück, dass die Kinder die Mappe aus dem Glücksunterricht zu Hause herausnehmen und mit den Eltern sprechen. Da helfen wir ganzen Familien.«

 

Zufriedener, freundlicher und besserer Umgang mit Wut und Zorn

Die Auswertung aus Gießen hat gezeigt: Die Solgrabenschüler sind viel zufriedener, gehen freundlicher miteinander um, haben ein besseres Sozialverhalten und können besser mit Zorn und Wut umgehen.

Neue Ideen für »sein« Fach hat Englert auch schon: Die Schüler fragen vermehrt nach praktischen Elementen zur Entspannung wie Yoga oder Pilates. Die Gießener Studie hat außerdem herausgefunden, dass Kinder unglücklich sind, wenn es in der Familie nicht stimmt. »1/3 unserer Schüler wächst nur mit einem Elternteil auf, hinzu kommen Geflüchtete, die gar keine Familie haben. Hier müssen wir ansetzen und helfen.«

Auf die dritte Neuerung ist Englert durch die Arbeitsagentur gekommen. Es habe immer wieder Rückmeldungen bei Berufsinformationstage gegeben, dass die Jugendlichen Arbeit mit etwas Schlechtem verbinden. »Das kann und muss nicht sein. Wir wollen zeigen, dass Arbeit Spaß machen kann, wenn es der richtige Beruf ist«, sagt Englert. Auch dafür braucht es Zeit. Zeit zu schauen, was ein Schüler kann, was er nicht kann und was er möchte. Dann wird dem Glück auch nach der Schulzeit (fast) nichts mehr im Weg stehen.

 

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